| Giles: Wie kamst du dazu, Kampfkünste zu lernen,
speziell Taiji?
Yan: Ich begann mein Kampfkunsttraining im Alter
von ungefähr zwölf Jahren. Anfangs spielte ich einfach mit
anderen Jungs, was in China üblich ist, wie amerikanische
Jungs Basketball spielen. Am meisten trainierte ich Hung
Gar, außerdem Ving Chun, was in meiner Heimat beides sehr
beliebt ist. Außerdem White Eyebrow, Hap Gar, was im Westen
wohl nicht so bekannt ist und verschiedene andere Stile
wie Long Fist und Shiao Jiao [chinesisches Ringen]. Das
war kein ernsthaftes Training, sondern eher ein Ausprobieren
mal hier, mal dort. Mit 15 Jahren begann ich dann Wu Stil
Taiji, was in Südchina außerordentlich beliebt ist.
Der Grund warum ich Kampfkunst trainierte war, daß ich krank
war. Ich hatte ernste Probleme in beiden Knien seit ich
sechs Jahre alt war. Nach Jahren mit Knieschmerzen war ich
ziemlich schwach und ständig krank. Bei jedem Jahreszeitenwechsel
bekam ich eine Erkältung. Obwohl ich ein recht aktiver Junge
war, konnte ich körperlich nicht sehr viel tun, z.B. nur
sehr langsam laufen. Meine Eltern sorgten sich um meinen
Gesundheitszustand und wollten, daß ich mich sportlich betätige.
Daher unterstützte mich mein Vater, Kampfkunst zu trainieren.
Aber aus irgendeinem Grund änderte sich nicht viel. Ich
blieb immer noch recht schwach und krank, obwohl mir das
Training sehr viel Spaß machte. Das änderte sich erst, als
ich mit siebzehn meinen wichtigsten Taijilehrer, Chen Quanzhong,
kennenlernte. Zu dieser Zeit war ich in Xian um meinen Collegeabschluß
zu machen.
Ich hatte das Glück, sein Schüler zu werden, und innerhalb
eines Jahres änderte sich mein körperlicher Zustand deutlich.
Die Knieschmerzen waren verschwunden und ich war deutlich
kräftiger geworden. Obwohl ich keinerlei spezielles Training
für meine Knie betrieb, nur das normale Taijitraining, hatte
ich seitdem keinerlei Kniebeschwerden mehr. Außerdem hatte
ich mittlerweile seit Jahren keine Erkältung mehr - ganz
im Gegensatz zu früher.
Giles: Du bist zum ersten Mal nach München gekommen
und hast einen viertägigen Chen Taiji-Workshop geleitet.
Was ist deine Hauptaussage dazu?
Yan: Da dies mein erster Besuch in Europa ist, wußte
ich nicht sehr viel über Taiji in Deutschland. Meine Idee
war daher, das Seminar unter das Motto " Der Weg, den Körper
zu entspannen" zu stellen. Viele Menschen denken, Entspannung
sei eine Grundvoraussetzung für unsere Taiji-Bewegungen.
In Wirklichkeit ist Entspannung aber das Ergebnis unserer
Bewegung, der Art unseren Körper zu benutzen, nicht deren
Voraussetzung!
Im Seminar habe ich die Benutzung der Akupunkturpunkte erklärt,
sozusagen das Muster, mit dessen Hilfe man den Körper in
eine bestimmte Ausrichtung bringen kann. Dann hat man keine
andere Wahl als zu entspannen. Außerdem stellte ich verschiedene
Partnerübungen vor, wie z.B. das Schieben an verschiedenen
Körperteilen, Rolling Arms und einige Chin Na-Übungen um
daran zu zeigen, wie diese Form der Entspannung den Körper
in einen Zustand bringt, der hilft, Pushing Hands- oder
Chin Na-Angriffe zu kontern.
Giles: Wenn man verschiedene Seminare mit verschiedenen
Meistern besucht, kommt es - selbst innerhalb des gleichen
Stils - vor, daß man eine Übung oder Form in sehr unterschiedlichen
Ausführungen sieht. Für viele Schüler ist dies sehr verwirrend
oder überraschend. Was kannst du den Schülern hierzu sagen
oder raten?
Yan: Nun, in jeder Art von Training oder Studium,
nicht nur in den Kampfkünsten, lernt man zu Beginn die Form,
die Bewegungsabläufe, quasi die Äußerlichkeiten. Allmählich
lernt man dann diese als Techniken anzuwenden, um dann die
Prinzipien hinter den Techniken zu erkennen. Schließlich
kann man - hoffentlich - die Philosophie hinter dem Prinzip
begreifen. Sozusagen vier Schichten. Geht man nun zu verschiedenen
Meistern, sieht man verschiedene Ausführungen der gleichen
Form oder Techniken. Ich glaube jedoch, daß es im echten
Taiji nur ein Prinzip gibt, das immer Gültigkeit besitzt,
unabhängig vom Stil. Vielleicht gilt dies Aussage sogar
für die inneren Kampfkünste allgemein, nicht nur für Taiji.
Wir sollten also durch die Formen, durch die Techniken hindurchsehen
und das gemeinsame Prinzip dahinter suchen. Wenn also z.B.
Meister Chen eine Bewegung auf eine bestimmte Weise ausführt,
müssen wir erkennen, warum er dies so tut. Beim nächsten
Mal sehen wir vielleicht Meister Yang die gleiche Technik
oder Form auf eine andere Art ausführen - aber basierend
auf dem gleichen Prinzip. Diese Beobachtungen können uns
helfen, diese Prinzipien besser zu verstehen. Sie sind es,
wonach wir im Taiji wirklich suchen. Hat man diese verstanden,
kann man herausfinden, wie man die Prinzipien am besten
mit seinem eigenen Körper anwendet, denn mit Sicherheit
hat niemand den gleich Körper wie Meister Chen oder Meister
Yang. So wird man seinen eigenen Weg finden. Deshalb ist
es sehr viel wichtiger, die Prinzipien zu verstehen, als
Formen oder Techniken.
Giles: Um bei den Prinzipien zu bleiben: Im Seminar
hast du peng, lü, ji, an erklärt und gezeigt. Viele Taiji-Übende
haben diese Bezeichnungen gehört, aber häufig ist deren
Bedeutung nicht klar. Wie erklärst du peng, lü, ji und an?
Yan: Peng, lü, ji und an kann man als die vier Haupttechniken
des Taiji bezeichnen. Wenn man allerdings das dahinter stehende
Prinzip nicht versteht, wirkt dies sehr verwirrend. Viele
Übende betrachten peng, lü, ji, an als Techniken, wie man
einen Gegner abwehren kann. Wenn man jedoch versteht, daß
es im Taiji um das eigene Gleichgewicht geht, dann versteht
man auch, daß peng, lü, ji an die Techniken zum Erhalten
des eigenen Gleichgewichts sind, und nicht Techniken um
einen Gegner zu Boden zu werfen oder gegen die Wand zu schubsen.
Peng, lü, ji, an machen den Körper zu einem Ball. Berührt
einen ein Angreifer, hat er das Gefühl einen Ball zu berühren,
er kann unsere Mitte nicht finden. Dies ist der Unterschied
zwischen unserem System und einigen anderen Taiji-Varianten.
Giles: Was bedeuten peng, lü, ji, an im Sinn von
Richtungen?
Yan: Da unser Körper quasi zu einem Ball wird, stellen
peng, lü, ji, an die entsprechenden Richtungen dar: "Peng"
ist zuerst ab- dann aufwärts, "an" zuerst auf- dann abwärts,
zusammen beschreiben sie also einen vertikalen Kreis. "Ji"
zeigt zuerst aus- dann einwärts, zum Gegenüber hin, "lü"
genau entgegengesetzt, womit ji und lü zusammen einen horizontalen
Kreis beschreiben. Natürlich bilden sich meistens Kombinationen
aus diesen Bewegungsrichtungen, z.B. eine Diagonale aus
an und ji oder peng und lü. Man kann dies gut unserem Diagramm
entnehmen.
Giles: Ein anderer Begriff, der häufig diskutiert
wird und über den meistens Uneinigkeit oder Verwirrung herrscht,
ist "Double Weighting". Was bedeutet dies wirklich?
Yan: Dies ist die gleiche Diskussion, wie sie auch
in China lange Zeit geführt wurde und die ebenso in den
USA läuft. Dieses Problem wurde jedoch schon vor langer
Zeit in China gelöst. Double Weighting bedeutet Kraft gegen
Kraft.
Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist es NICHT eine
50-50% Gewichtsverteilung auf beiden Beinen. In der klassischen
Schrift von Wang Tsung Yüeh wird sehr klar gesagt, daß wenn
man nach vielen Jahren Training Taiji immer noch nicht im
Kampf anwenden kann, es nur einen Grund dafür gibt: Double
Weighting.
Wenn wir nun annehmen, daß Double Weighting eine 50-50%
Gewichtsverteilung wäre, dann würde das bedeuten, man bräuchte
immer einfach nur auf einem Bein stehen und wäre dann gut
im Taiji. Ziemlich dumm, nicht wahr?! Tatsächlich bedeutet
Double Weighting "Kraft gegen Kraft". Dies wiederum bedeutet,
daß derjenige gewinnen würde, der größer, stärker, schneller
ist. Dann ist kein wirkliches Können beteiligt und das ist
es nicht, wie Taiji sein sollte. Im Taiji sollte man immer
versuchen, Double Weighting , also Kraft gegen Kraft, zu
vermeiden.
Ein gutes Beispiel dafür, daß es nicht um die tatsächliche
Gewichtsverteilung geht, und daß dies nicht eine chenstilspezifische
Idee ist: Im Wu-Stil ist bei "Einfache Peitsche" die Gewichtsverteilung
genau 50-50, ebenso in "Den Fächer öffnen". Keiner kann
sagen, Wu-Taiji wäre schlecht. Im Gegenteil, Wu-Taiji ist
ausgezeichnetes Taiji!
Giles: Im Seminar haben wir auch einige Tuishou-Übungen
gemacht, sogenanntes Pushing Hands. Dazu zwei Fragen: Was
denkst du über die Bezeichnung "Pushing Hands", und was
ist das eigentliche Ziel dieser Übungen?
Yan: Es ist wirklich erstaunlich, wie diese Bezeichnung
die Leute in die falsche Richtung führt. Eigentlich sollten
wir diese Zwei-Personen-Übungen nicht Pushing Hands nennen,
weil wir absolut gegen "Pushing", also schieben oder stoßen
sind. Ich würde diese Übung eher rollende Arme, klebende
Hände, Kraftannahme-Übung oder wie auch immer nennen, aber
wir "stoßen" nicht wirklich. Wahrscheinlich ist das einer
der Gründe, warum im Pushing Hands - da dieses Spiel so
genannt wird, bleibe ich hier bei dem Namen - die Leute
so hart stoßen, warum es so ein schlechtes Ringerspiel auf
niedrigem Niveau wird.
Zur zweiten Frage: Diese Übungen dienen dazu zu testen,
wie gut unsere Körperausrichtung [alignment], unser bequemer
Zustand ist. Du weisst, im Taiji versuchen wir immer, in
dem bequemen Zustand zu sein, was bedeutet, daß der Körper
sehr offen, sehr leicht, sehr weich, sehr leer ist. Der
untere Teil stützt den ganzen Körper, man kann dies das
"Zentrum der Spannung" nennen. In China beschreibt man dies
als "das Qi ganz zum Dan Tian, dann sogar bis zu den Fußsohlen
senken". Verlieren wir diesen Zustand, führt dies zur Anspannung
von Schultern und Brust und wir verlieren unser Gleichgewicht.
Im Chen Taiji sagen wir dann, man steht wie ein Pfahl, aber
mit dem schweren Teil oben, so daß man schon bei einer leichten
Berührung fällt.
Also versuchen in diesem Spiel, das ich jetzt "Rollende
Arme" nennen will, zwei Partner sich gegenseitig zu helfen
herauszufinden, wie weit der bequeme Zustand gehalten werden
kann, speziell wenn der Partner Kraft auf einen ausübt.
Übrigens wird dieser Zustand in der Taiji-Terminologie "Wuji-Zustand"
genannt.
Natürlich haben wir dafür viele verschiedene Übungen, von
einfach bis kompliziert, auch mit der Betonung verschiedener
Körperteile. Man benutzt dabei Hände oder Unterarme, Ellbogen
oder den Körper um "rollende Arme" zu üben. Selbst die Beine
kann man benutzen, also "rollende Beine". Manchmal benutzt
man auch Schulterstöße, nur um zu sehen, wie weit man gehen
kann. Oder auch die Hüften. So ist diese Übung also ein
Test um die Grenzen unseres Wuji-Zustands zu erforschen.
Wir sollten dabei einander helfen und kein großes Ego haben,
sonst können wir uns überhaupt nicht gegenseitig unterstützen.
Giles: Wäre es also richtig zu sagen, daß man, wenn
man tuishou trainiert, eher kooperativ als konkurrierend
üben sollte?
Yan: Exakt! Wenn man mit Konkurrenzdenken übt, wird
es ein Wettbewerb, und man verliert sehr leicht die Essenz
des Taiji. Das ist der Grund für die vielen Pushing Hands
Wettbewerbe auf sehr niedrigem Niveau. Ich kann dafür nicht
die Teilnehmer verantwortlich machen, kann nicht sagen,
diese wären schlecht im Taiji, da die Regeln und andere
Umstände das ganze Spiel einschränken und diese so zu miserablen
Ringwettkämpfen werden. So sollte Taiji wirklich nicht aussehen.
Giles: Im Seminar hast du auch über innere und äußere
Kampfkünste gesprochen. Dies wird auch recht häufig diskutiert.
Der eine sagt "dies ist eine innere Kampfkunst", der andere
meint "nein, das ist eine äußere Kampfkunst". Was, meinst
du, ist eine innere Kampfkunst im Gegensatz zu einer äußeren?
Yan: Innere Kunst bedeutet gewöhnlich, der Natur
zu folgen, äußere Kunst folgt dem eigenen Plan.
Wenn man etwas tun will, etwas zu tun plant, dann wird es
äußerlich. Wenn man entscheidet etwas zu tun, aber der Weg
dies zu tun darin besteht, einfach dem zu folgen, was auch
immer in diesem Prozess geschieht, dann wird es eine innere
Kunst.
Viele Leute sagen, langsame Bewegungen machen die innere
Kunst aus, dies ist jedoch nicht richtig. Ebensowenig die
Ansicht, die Atemtechnik würde die innere Kunst ausmachen.
Der Hauptunterschied ist, daß man [in der inneren Kampfkunst]
der Situation folgt, chinesisch ausgedrückt folgt man dem
DAO, man folgt der Natur.
Giles: O.K., aber ich kann mir vorstellen, daß manche
Leute sagen, jeder gute Kämpfer oder gute Wettbewerbsteilnehmer,
selbst wenn er Karate oder westliches Boxen praktiziert,
wird wahrscheinlich instinktiv reagieren und keinen Plan
haben. Bedeutet das, daß derjenige nun auch eine innere
Kampfkunst praktiziert, oder habe ich das nicht richtig
verstanden?
Yan: Damit sprichst du tatsächlich einen interessanten
Punkt an! Viele äußere Kampfkünstler können nach vielen
Jahren des Trainings oder des Kämpfens auch eine innere
Stufe erreichen, das ist sehr richtig. Ich weiß nichts über
das Boxen oder über Judo, ich habe beides nie geübt. Aber
ich glaube, daß manche Praktizierende, die ein sehr hohes
Niveau erreichen, die Möglichkeit erkennen, ihre Kunst auf
eine innere Stufe zu übertragen. Tatsächlich sehe ich in
den äußeren Kampfkünsten viele Übende sehr hohe Stufen erreichen,
im Shaolin Kung Fu z.B. erreichen sie auch eine deutlich
innere Form der Kampfkunst.
Wenn man allerdings nur über instinktive Reaktionen spricht,
muß das keine innere Kampfkunst sein. Instinktive Reaktion
beinhaltet grundsätzliche immer noch eine Form von Plan.
Wird man z.B. auf eine bestimmte Art angegriffen, reagiert
man auf eine festgelegte Art, d.h. man benutzt immer einen
bestimmten Stil. Wenn der Angreifer jedoch einen völlig
anderen Angriffswinkel wählt, kann dieser sehr überraschend
für einen sein, und dann kann die instinktive Reaktion ziemlich
ungünstig ausfallen. Daher würde ich nicht sagen, daß die
instinktive Reaktion schon innere Kampfkunst bedeutet.
Giles: Was ist der Unterschied zwischen Taiji und
anderen inneren Kampfkünsten?
Yan: In Wang Tsung Yuehs klassischer Schrift wird
gleich im ersten Satz eine klare Definition von Taiji gegeben.
Dort heißt es: "Taiji entsteht aus Wuji, der Mutter von
Yin und Yang". Die Leute denken meistens, dieser Satz sei
überhaupt nicht wichtig und gehen zum Rest des Buches über.
Wenn sie aber diesen Satz nicht verstehen, werden sie nicht
erkennen, ob sie tatsächlich Taiji praktizieren oder nicht.
Ein Beispiel: Wenn ich ein Auto bauen will, brauche ich
zuerst die Definition eines Autos. Wenn ich die Definition
eine Autos nicht kenne, wie kann ich dann eines bauen? Vielleicht
baue ich stattdessen ein Boot. Verstehst du, was ich meine?
Der Grund, warum die Leute diesen ersten Satz nicht verstehen
ist, daß Wang Tsung Yueh ihn in der Terminologie chinesischer
Philosophie geschrieben hat, so daß er für Menschen, die
keinen entsprechenden philosophischen Hintergrund besitzen,
sehr schwierig zu verstehen ist. Dies ist nicht nur ein
Problem für Menschen aus dem Westen, selbst für Chinesen
ist dies überraschend. Ob etwas Taiji ist oder nicht, ist
immer fragwürdig, da jeder Bewegungen langsam machen und
dies dann Taiji nennen kann. Ich denke, wenn Leute sich
langsam bewegen, ist dies häufig überhaupt kein Taiji. Ich
nenne das "Low Impact Aerobic".
Aber zurück zur Definition von Taiji. Taiji sind die Bewegungen,
die meinen "Wuji-Zustand" erhalten. Wenn mein Körper aus
dem Wuji-Zustand zu geraten droht, das heißt, der Oberkörper
nicht mehr leicht und leer, der Unterkörper nicht mehr schwer
und voll ist, dann muß ich etwas tun, um diesen Zustand
zu erhalten. Diese Bewegungen werden Taiji genannt. Jede
Art der Bewegung, die dies erreicht, ist Taiji. Wenn man
dies nicht erreicht, wenn man außerhalb der Wuji-Ausrichtung
bleibt, dann übt man - selbst mit den sogenannten "Taiji
Bewegungen" - niemals Taiji aus. Aus diesem Grund müssen
wir, wenn wir Taiji gut ausüben wollen, zuerst verstehen,
was der "Wuji-Zustand" ist.
Giles: Im Seminar hast du sehr die Bedeutung von
Weichheit und Entspannung betont, aber du sagst und zeigst
ebenso, daß Taiji eine effektive Kampfkunst ist. Selbst
Leute, die Taiji sehr intensiv praktizieren, verstehen diese
Verbindung häufig nicht. Es heißt dann: "Wenn ich weich
und entspannt bin und mich dann jemand angreift, falle ich
in mir zusammen wie eine Papiertüte." Wie sieht die Lösung
dafür aus?
Yan: Dazu möchte ich den Unterschied zwischen tatsächlicher
Entspanntheit und Schlaffheit definieren und dafür den Ausdruck
"sung" benutzen. Wahrscheinlich bedeutet "entspannt und
weich" nicht ganz das gleiche wie sung. Aber was ist nun
der Unterschied zwischen sung und schlaff? Beide benutzen
nicht zu viel Muskelkraft, aber während "sung" eine gute
Körperausrichtung [alignment] beinhaltet, bedeutet "schlaff"
wenig Muskelkraft und gleichzeitig keine gute Körperausrichtung.
Der Unterschied liegt also in der Körperausrichtung.
Unser Muskeleinsatz dient ausschließlich dem Erhalt der
Wuji-Ausrichtung. Um einen Punkt klar zu machen: Wir müssen
Muskeln einsetzen, auch wenn viele Leute sagen, im Taiji
sollte überhaupt keine Muskelkraft eingesetzt werden. Das
stimmt nicht, denn wenn man nur das Skelett alleine benutzt,
fällt man auf den Boden. Wir brauchen also Muskelkraft,
aber nicht gegen die Kraft des Gegenübers, denn das wäre
Double Weighting, sondern um unsere Wuji-Ausrichtung zu
unterstützen. Wenn dich also jemand sehr stark angreift
und du deine Muskulatur, dich selbst so daran anpassen kannst,
daß dein Wuji-Zustand, deine Wuji-Ausrichtung erhalten bleibt,
dann machst du Taiji.
Dein Körper wird sich automatisch an die Bewegung anpassen
und die Kraft des Angreifers in die Leere laufen lassen.
Und dann wird die Kraft des Angreifers gegen diesen selbst
arbeiten. Natürlich ist das leicht zu beschreiben, aber
schwierig zu tun. Man braucht dafür eine Menge Übung.
Giles: Hast du zum Abschluß eine Empfehlung für die
Leser, für deren persönliches Üben?
Yan: Ja, und zwar beim Üben von Taiji sich in ihre
Bewegungen hinein zu entspannen, NICHT die Bewegung zu TUN.
Giles: Vielen Dank für dieses Gespräch. |